Kurzgeschichte - Isabella Muhr


15 Wörter:


Traum 

Rasen 

Himbeereis

Gitarre

Brief

Ring

Bus 

September

Regen

Flucht

Gänsehaut

Pistole

Laptop

Tagebuch 

Freund


Nutze den Augenblick

Die Sonne kitzelt Stefanie an der Nase als sie auf ihre kleine Terrasse tritt. Genüsslich schließt sie ihre müden Augen und saugt die ersten Sonnenstrahlen dieses Frühlingstages in sich auf. Mit ihrer Gitarre in der Hand setzt sie sich schließlich auf einen der beiden Stühle und fängt an, mit geübten Handgriffen die Saiten zu stimmen. Wie lange sie nicht mehr gespielt hatte... Seit er weg war, hatte sie ihre Gitarre nicht ein einziges Mal mehr angefasst. Er hatte es geliebt, wenn sie ihm vorspielte. Jetzt, wo er weg war, schien diese Beschäftigung jeglichen Sinn verloren zu haben. Im Gegenteil sie brachte nichts als schmerzliche Erinnerungen mit sich. Doch heute ist ein wichtiger Tag und ihr Bedürfnis, ihm so nah wie möglich zu sein, ist größer, als der Schmerz.

In ihrem kleinen verwilderten Garten tummeln sich munter die Insekten auf dem Rasen und hören zu, wie sie leise und verträumt im Takt ihrer improvisierten Melodie vor sich hinsummt.

Erneut schließt sie die Augen und lässt die Erinnerung an einen David zu, der sie von der Terrassentür aus beobachtet. Sie gibt sich diesem Traum von vergangenen, glücklichen Tagen hin, bis ein Windhauch ihren Nacken streift und sie erschrocken herumfahren lässt. Doch hinter ihr ist nichts, als die Enttäuschung über die Leere selbst. Ein Schauer jagt ihr über den Rücken und sie bekommt eine Gänsehaut. Mit hängenden Schultern und einem resignierten Seufzer begibt sie sich wieder in das Innere ihrer Wohnung. Es ist ohnehin Zeit für sie, ihre Sachen zu packen. Sie muss in einer halben Stunde im Krankenhaus sein und sie will auf keinen Fall zu spät kommen.

Mit schnellen Schritten bewegt sie sich durch die Wohnung, um alles mögliche in ihre Handtasche zu werfen. Als sie an der Schublade vorbeikommt, in der sie Davids Habseligkeiten aufbewahrt, hält sie inne. Es ist nicht viel, die meisten Sachen hatte sie bereits an seine Eltern übergeben. Was sie für sich behalten hatte, war der Laptop, den sie sich geteilt hatten, mit all seinen Erinnerungsfotos darin, eine kitschige Gürtelschnalle, die sie ihm mal zum Spaß auf einem Flohmarkt gekauft hatte und einen Brief, den sie in seinem Tagebuch gefunden hatte. Zu diesem Brief gehörte auch ein Ring. Dieser Ring, wie sie mittlerweile weiß, war für sie bestimmt. Doch da er ihr niemals offiziell übergeben worden war, wagt sie bis heute nicht, ihn zu tragen.

Mit zittrigen Fingern holt sie den Brief aus dem Schubfach, faltet ihn auf und liest ihn sich zum gefühlt hundertsten Mal durch.

Meine liebe Stefanie,

weißt du noch - diese eine Nacht Ende September? Der Regen hatte gerade damit aufgehört, die Straßen durchzuspühlen, als wir uns vom Oktoberfest auf den Heimweg machten.Wie zu groß geratene Kinder waren wir zuvor von Attraktion zu Attraktion durch die rieselnden Tropfen gewandert. Wir sind Achterbahn, Riesenrad und Autoscooter gefahren, haben uns hässliche Plastikrosen geschossen, überteuerte, geröstete Nüsse gekauft... 

Wir hätten sicherlich noch stundenlang so weiter gemacht, wäre uns nicht das Geld ausgegangen. An einer Straßenecke hast du diesen Eiswagen entdeckt. Und obwohl du wusstest, dass wir nicht einmal mehr genug Geld für eine einzige Eiskugel hatten, hast du mit einem zuckersüßen Lächeln im Gesicht den Eismann angestrahlt und eine Kugel Himbeereis bestellt. Du bist meinem unverständigen Blick mit einem verschwörerischen Augenzwinkern begegnet und bist dann einfach mit deinem Eis in der Hand davongerannt. Auf der Flucht vor dem wütend hinter uns herrufenden Besitzer, sind wir einfach in den nächstbesten Bus eingestiegen, der um die Ecke gerade gehalten hatte. Ich war so aufgeregt, als hätten wir eben mit Pistole und Skimaske eine Bank überfallen, aber du hast die ganze Zeit nur gelacht. Japsend und prustend hast du dich an der Haltestange des Busses festgeklammert, um nicht vor lauter Amüsement auf dem Boden herumzukullern. Die pure Lebensfreude funkelte mir aus deinen Augen entgegen und ich konnte an nichts anderes denken, als daran, wie schön und vollkommen du in diesem Moment aussahst. Das Himbeereis lief dir in zarten Schmelzspuren über deine schlanken Finger, deine dunklen, feuchten Haare klebten dir wirr im Gesicht, deine Wangen waren leicht gerötet von der Aufregung und dein schneller Atem kitzelte mein Gesicht. In diesem Moment wollte ich dich fragen.

Wollte dich fragen, ob du nicht meine Frau werden willst. Denn in genau diesem Moment wurde mir mit aller Deutlichkeit bewusst: 

Es gibt diese besonderen Tage, diese unvergesslichen Momente...und sie alle wären nichts ohne dich darin. Deine Einzigartigkeit macht meine Gegenwart zu einem Erlebnis. Du bezauberst mit deiner Anwesenheit mein Dasein und machst es in seiner Bedeutung vollkommen.

Doch ich habe es nicht getan. 

Du weißt, Spontanität und Entschlusskraft sind keine Eigenschaften, die man mit mir in Verbindung bringt. Und ein klein wenig feige bin ich wohl auch. Im Nachhinein ist mir bewusst, dass kein Moment jemals geeigneter war, als dieser. Deshalb habe ich ihn für dich aufgeschrieben, in der Hoffnung, du könntest die Augen schließen, an diesen Moment zurückreisen, ihm nachspüren und mir dann eine passende Antwort zu meiner Frage geben.

Dein Freund (und hoffentlich bald Ehemann) David

Zärtlich streicht sie mit ihren Fingerspitzen über die geschriebenen Zeilen, die sie vor zwei Wochen das erste Mal gelesen hat und die sie inzwischen in- und auswendig kennt. Ein dunkler Schatten fällt wie ein Vorhang über ihre Augen und entblößt für einen flüchtigen Augenblick die Verzweiflung, die seit jenem schicksalhaften Tag vor knapp zwei Wochen tief in ihr verwurzelt ist. Dem Tag an dem David mit dem Fahrrad zum einkaufen gefahren und nicht mehr zurückgekehrt war. Ein Lastwagen hatte ihn einfach an einer Ampel nicht gesehen und...

Seither liegt David im künstlichen Koma. Gestern wurde er offiziell für hirntod erklärt. Heute ist der Tag, an dem die lebenserhaltenden Maschinen, an denen David angeschlossen ist, abgeschaltet werden. Er hatte ihr den Brief nie gegeben, ihre Antwort nie erhalten, hatte ihr den Ring nie angesteckt.

Die Tränen laufen Stefanie über das Gesicht, als sie den Brief behutsam zurück in die Schublade legt. Zurück zu dem Ring, den sie nie tragen wird, gekauft von dem Mann, dem sie einst alles bedeutet hat und der ihr einst alles bedeutet hat. Der Mann, der nun für immer fort war. 

Halt suchend stützt sie sich am Regal ab, um der Last des Kummers, der sie in diesem Moment überrollt, standhalten zu können. Dann atmet sie einmal tief durch und macht sich auf den Weg ins Krankenhaus.