Kurzgeschichte - Kathrin Lichters


15 Wörter:


Kissen

Olive

Sonnenbrille

Spinnennetz

Luftballon

Ladegerät

Friseurtermin

Konzertkarte

Bücherregal

Gänseblümchen

Nutella

Häkeldecke

Gebrauchsanweisung

Klettergerüst

Zeitschrift


Sie lehnte sich in die Kissen der Gartenliege zurück, streckte genüsslich ihre Beine aus und blinzelte durch ihre Sonnenbrille gegen das warme Sonnenlicht. Die goldenen Strahlen der Sonne erwärmten ihre Haut trotz des dünnen Pullovers und Ella spürte regelrecht, wie ihre Haut das Vitamin D aufsog. Sie betrachtete ein Spinnennetz gegen das Licht, das sich von der Veranda zum nächsten Strauch gespannt hatte und auf dem der Tau, wie winzige Diamanten glitzerte. Sie hörte die weit entfernten Stimmen ihrer Freunde durch das alte Haus hallen und blickte über den romantisch angelegten Garten. Die wild wachsenden Rosen, umherwuchernden bunten Blüten, die sie mit einem unverwechselbaren Duft umhüllten und das Geräusch der zirpenden Grillen, ließen sie wohlig seufzen. Wie hatte sie das vermisst? Dieser Ort war wie ein Ladegerät für die Seele. In der Londoner Innenstadt war es für sie völlig normal von einem Termin zum nächsten Termin zu hetzen. Dann war plötzlich der Anruf gekommen und hatte sie mitten in ihrer Eile innehalten lassen. Plötzlich hatte sie sich wie im Zeitraffer gefühlt. Sie hatte die Menschen wie Bienen auf dem Weg zu ihren Bienenstöcken um sich herum schwirren gesehen. Nur für sie schien die Zeit stehen geblieben zu sein. „Ella? Tante Maddy ist gestorben!“, hatte ihr eine bekannte Stimme durchs Telefon zu gehaucht. Tante Maddy hatte Ellas nüchterne und triste Welt mit Farbe und liebe gefüllt. Sie war eine gütige, alte Frau gewesen, die jeden Tag Nutella-Kekse gebacken hatte, um sie den Kindern auf der Straße zu verteilen. Noch vor zwei Jahren hatte sie gegen die Straßenkinder im Seilchenspringen gewonnen und allen Kindern Luftballons geschenkt. Sie war herzlich und zu gut für diese Welt gewesen. Sie war zu gut für Ella gewesen. Ihre trüben Gedanken wurden von heftigem Gekicher ihrer Freunde unterbrochen. Sie traten auf die Veranda, hielten Jahrhundert alten angestaubten Zeitschriften und abscheuliche Häkeldecken in den Händen. 

„Püppi, das musst du dir ansehen!“, kreischte Abby und hielt eins der Tischdeckchen hoch. 

Mats kicherte in seinem üblichen feminin klingenden Tonfall: „Ich überbiete mit diesen Zeitschriften aus den 50‘Ern. Wobei die Frisuren schon wieder in sind. Was meinst du, Babe, würde mir das stehen?“ Ihr Freund klimperte übertrieben mit seinen tiefschwarz gefärbten Wimpern und brachte Ella damit das erste Mal zum Lächeln. Auf der Hinfahrt hatte Ella sich zeitweise gefragt, warum sie diese beiden Chaoten überhaupt mitgenommen hatte. Nun fiel es ihr wie Schuppen von den Augen. Dieses Haus allein zu betreten, aus dem die schönsten Kindheitserinnerungen stammten, und zu wissen, dass Tante Maddy unwiderruflich fort war, wäre zu schrecklich gewesen. Ihre beiden Freunde konnten nervenaufreibend und peinlich sein, aber sie waren auch loyal und würden sie von den schrecklichen Schuldgefühlen ablenken, die sie seit den letzten zwei Jahren immer wieder heimsuchten, ablenken. 

„Also, was geht hier so ab? Wie ist das Nachtleben in … wo sind wir noch genau?“, fragte Abby eifrig. 

„Havens Creek.“ 

„Also, wo beginnen unsere Nacht?“

Ella biss sich schuldbewusst auf die Unterlippe. „In diesem Ort gibt es eine einzige Bar und dort treffen sich die gesamten Stadtbewohner.“

„Was? Kein Bistro? Keine Disco oder eine Cocktailbar? Nicht mal eine Lounge?“ 

Mats sah aus, als hätte Ella ihm eröffnet Ricky Martin sei hetero. „Dafür habe ich nun meinem Friseurtermin im La Stella abgesagt?“

„Nial hatte Konzertkarten für Ed Sheeran“, entrüstete sich Abby. 

„Es tut mir leid, Leute. Hätte ich euch gesagt, dass man hier zum Biertrinken auf der Terrasse sitzt, wärt ihr nie mit hergekommen und ich hätte es nicht übers Herz gebracht, alleine her zufahren.“ Sie stützte ihr Gesicht in beide Hände und fuhr durch ihr Haar. 

Sofort wurde Mats Gesichtszüge weicher, zwängte sich zu Ella auf die Gartenliege und legte einen Arm um sie. „Fang jetzt bloß nicht an zu weinen, dann muss ich flennen wie ein Baby!“

Abby seufzte und rief: „Ich hab im Wohnzimmer eine Minibar gesehen. Bei Trauerfeiern wird immer gesoffen, bis einer umfällt. Hoffentlich gibt’s Gin und Oliven.“ Typisch Abby. Sie hasste es, wenn jemand ein Problem hatte und es keine Lösung dafür gab. Das überforderte sie. Ella kannte sie gut genug, um zu wissen, dass die Beschaffung von Alkohol für Abby mit einer mitfühlenden Umarmung gleichzusetzen war. 

„Du weißt, wie sehr ich dich liebe, oder? Würde ich nicht auf Männer in knappen Shorts stehen, wärst du meine …“ 

„Traumfrau gewesen. Ich weiß, Mats!“

„Lass das aber ja nicht Abby hören. Du weißt, wie lange sie eingeschnappt sein kann.“ Mats rollte demonstrativ die Augen und schlug die Beine übereinander. Er saß graziler neben ihr auf der Gartenliege, als es die Queen persönlich getan hätte. Ella bewunderte und beneidete ihn gleichermaßen dafür.

„Welch ein ruhiger wundervoller Ort, oder?“, fragte Ella in die geruhsame Stille hinein und blickte auf die Wiese mit den Gänseblümchen, auf der sie einst mit Tante Maddy Hula Hup Reifen geübt hatte. „Es ist, als könnte hier alles möglich sein. Diese Stille! Plötzlich höre ich Dinge, die in London vom Autolärm verschluckt werden. Das Summen der Bienen oder das Rascheln der Blätter in den Bäum…“

Ein ohrenbetäubendes Geräusch unterbrach ihren Redefluss. Sie starrte Mats entsetzt an, der sich prompt wie ein Fünfjähriger die Finger in die Ohren steckte. Was war denn das? Ella stand mit zusammengekniffenen Augen auf und marschierte ums Haus herum, auf der Suche nach der Quelle des Störenfrieds. Ella war hier, um Tante Maddy zu gedenken und sich zu überlegen, was sie mit diesem Haus tun wollte. Sie brauchte dringend Ruhe, um sich darüber Gedanken zu machen. Ella stapfte über die Wiese ihres Grundstücks und spähte entschlossen zum Nachbarsgarten hinüber. Da hielt sie verblüfft inne und blickte auf den Anblick, der sich ihr bot. Ein Mann hatte ihr seinen nackten Rücken zu gewandt. Einen besonders hübschen Rücken. Die gestählten Muskeln seiner Oberarme traten bei jeder Bewegung, die er mit diesem Gerät, das den Höllenlärm von sich gab deutlich hervor. Die dunklen Tätowierungen betonten das noch mal und Ella wünschte sich er würde ihr nur einmal, nur ganz kurz seine Vorderseite vorführen. Seine Jeans hing ihm tief auf den Hüften und war kurz davor allein durch Ellas Willenskraft hinab zu gleiten und das preiszugeben, was dieser Körper versprach. 

Das Geräusch endete, dafür hörte Ella die Stimme ihres Freundes und seinen anerkennenden Pfiff umso besser. „Na, holla!“ Der Fremde wandte sich zu ihnen um und Ella wünschte sie hätte Mats einen Maulkorb mitgenommen. „Deswegen trinkt also jeder sein Bier auf der Veranda … wenn es dazu diesen Anblick zu sehen gibt, versteh ich das.“ Wo war das nächste Loch? Warum tat die Erde sich nicht auf? Ella gab Mats einen Klaps auf den Hinterkopf und schimpfte leise mit ihm. „Im Ernst jetzt?“

„Hey Leute, was ist bei euch los?“, warf eine tiefe Stimme ein und Ella wusste, sie würde jeder Tomate Konkurrenz machen. Sie warf dem Fremden einen Blick zu und erstarrte erneut. Sie war unfähig zu sprechen und konnte den Blick nicht von dem Kerl nehmen, was mittlerweile weniger damit zu tun hatte, wie er gebaut war, als mit dem, wem er ähnlich sah. „He, Buddy, was ist mit deiner Freundin los? Hat sie einen Schock oder was?“

„Ja, hast du einen Schock? Ella?“ Mats pikste ihr gegen den Arm und Ella kam langsam wieder zu sich. Dies war nicht Shane, aber es war sein älterer Bruder. Sie kannte ihn von unzähligen Familienfotos, hatte ihn aber niemals persönlich kennengelernt. Kurz vor dem ersten Tag des Kennenlernens war ihnen das Schicksal dazwischen gekommen. 

Ella räusperte sich und fragte nur: „Hi, was veranstaltest du hier für einen Lärm?“ 

„Nun, Lady, ich arbeite hier.“

„Was arbeitet man mit solch einem ohrenbetäubenden Lärm?“

„Bist‘ wohl etwas empfindlich, was? Bist du neu hier?“ Sie war weder neu noch empfindlich, und bevor sie ihm das erklären musste, sagte sie schnippisch: „Ich würde es mal mit Ikea probieren. Für diese Art von Bücherregalen braucht man nur einen Schraubendreher.“

„Tja, leider wird das hier ein Klettergerüst für die Grundschule im Ort und da kann Ikea mit ihren Aufbauanleitungen in der Regel nicht mit dienen.“ Er schenkte ihr einen herablassenden Blick, was Ella wütend machte.