Kurzgeschichte - Laurie Millan


15 Wörter:

 

Schimmel

Wolkenbruch

Handtasche

Haare

Schreibtisch

Müsli

Kuh

Flasche

Arzt

Schlaf

 Landstrasse

Urlaub

Geist

 Unfall

15. Chaos

 


Müde öffnete ich die Augen und ein gewaltiger Kopfschmerz erinnerte mich daran, dass ich zu meinem Übel, am gestrigen Abend eine ganze Flasche Wein geleert hatte. 

Das ist alles bloß deine Schuld, Sam! 

Das laute Klingeln des Telefons trug keineswegs dazu bei, dass ich mich besser fühlte.

Ich griff nach dem Handy, das auf meinem Nachttisch lag und flüsterte förmlich ein »Hallo?«, in den Hörer.

»Du schläfst doch nicht immer noch, oder?«, brüllte jemand ins Telefon und aufgrund meines Zustandes brauchte ich einige Minuten, um die Stimme zu erkennen.

»Schrei doch bitte nicht so!«, flehte ich, doch meine beste Freundin Laura zeigte kein Erbarmen und fuhr mit ihrer Predigt fort.

»Hast du wieder getrunken? Natürlich hast du das! Wieso frage ich überhaupt? Dein neuer Mitbewohner tut dir nicht gut. Im Gegenteil! Wenn das so weitergeht, schleppe ich dich zu einem Arzt!«, tadelte sie mich.

»Du redest Blödsinn! Sam und ich haben uns gestern einen Film angesehen und dabei einige Gläser getrunken. Was ist schon dabei?«

Obwohl ich ihr Gesicht nicht sehen konnte, ahnte ich, dass sie im Stillen die Augen verdrehte.

»Hör zu, Laura. Wenn es dich beruhigt, lasse ich es die nächsten Tage erst mal mit dem Alkohol. Einverstanden? Du benimmst dich zwar gerade wie meine Mutter, aber ich versuche dir zumindest entgegen zu kommen«, seufzte ich ins Handy. »Aber ich brauche jetzt wirklich noch ein paar Stunden Schlaf, damit ich wieder fit bin. Ist das für dich in Ordnung? Ich melde mich einfach heute Abend bei dir und dann können wir meinetwegen irgendetwas unternehmen.«

»Lara«, begann sie und blieb für einige Sekunden still. «Du redest mir jetzt einfach nach dem Mund, damit ich Ruhe gebe. Ist es nicht so?«

Unwillkürlich musste ich grinsen. »Natürlich nicht. Wie kommst du denn auf so einen Schwachsinn?«, erwiderte ich, auch wenn sie genau ins Schwarze getroffen hatte. 

Vor einigen Wochen war Sam bei mir eingezogen, nachdem meine alte Mitbewohnerin in die Staaten gezogen war. Seither gab es bloß zwei Wochenenden, an denen wir ein wenig getrunken hatten. Laura musste jede Situation völlig dramatisieren, das lag ihr scheinbar im Blut.

»Na ja, wie dem auch sei. Meld' dich heute Abend!«

»Mache ich!«, antwortete ich und legte auf.

Erleichtert atmete ich auf. Für so etwas hatte ich momentan wirklich keinen Nerv. Langsam stieg ich aus dem Bett und hielt mir meinen Kopf, der immer noch dröhnte.

Als ich die Küche betrat, begegnete mir ein gut gelaunter Sam, dem man nicht ansah, dass er genauso viel getrunken hatte, wie ich.

»Guten Morgen, Sonnenschein«, begrüßte er mich und ich zog eine Grimasse. »Du siehst nicht gerade fit aus. Bekam der Wein dir gestern Abend nicht?«, wollte er wissen und ich schüttelte den Kopf.

»Überhaupt nicht. Ich fühle mich, wie vom LKW überfahren«, gab ich ehrlich zu und er lachte.

»Frühstück? Ich habe Rührei gemacht«, verkündete er stolz.

»Nein, Danke. Ich werde mir ein Müsli machen. Das ist wohl das Einzige, was ich jetzt herunter bekomme.«

Ich öffnete den Küchenschrank und nahm die Schachtel mit dem Schokoladen Müsli heraus, das mein Magen hoffentlich akzeptierte. Die Milch ließ ich weg, denn allein schon bei dem Gedanken daran, wurde mir übel.

Interessiert beobachte ich Sam, wie er gefühlte Stunden seine Brote mit Butter beschmierte und dann angewidert sein Gesicht verzog.

»Wie alt ist denn der Käse? Da ist ja bereits Schimmel drauf«, fragte er und ich zuckte mit den Schultern. 

»Ich bin kein Käse-Freund. Also frag mich nicht! Dafür bist du zuständig.«

Konzentriert griff er stattdessen nach der Salami und setzte sich zu mir an den Tisch.

»Was hast du heute vor? Sollen wir dem schönen Wetter nicht an den See fahren?«

Ich würgte gerade einen Löffel Müsli herunter, als ich ihn erstaunt ansah.

»Wirklich? Eigentlich geht es mir ja nicht sonderlich, wie du vielleicht schon bemerkt hast«, begann ich. »Aber wenn du mir noch eine Stunde gibst, kriege ich das sicherlich in den Griff.«

Zufrieden nickte er und biss in sein Salamibrot.

»Ich glaube, mehr kriege ich nicht herunter«, sagte ich und erhob mich vom Stuhl. 

Ich stellte die Schüssel in die Spüle und trat wieder den Weg in mein Zimmer an, um meinen Kleiderschrank zu durchforsten.

Die Jogginghose, die ich trug konnte ich sicherlich nicht am See tragen, auch wenn ich dies am liebsten getan hätte.

Seufzend griff ich nach einem kurzen Sommerkleid und schlüpfte hinein. Mit immer noch dröhnendem Kopf ging ich ins Schlafzimmer und sah mich erschrocken im Spiegel an.

So hatte Sam mich gesehen?

Wenn ich ehrlich war, gefiel er mir. Seit zwei Jahren war ich bereits Single und das Glück meinte es nicht gut mit mir. Doch er verpasste mir immer wieder ein Bauchkribbeln, wenn er mich bloß ansah. Wir teilten den gleichen Humor und ich hätte mich in seinen dunkelbraunen Augen verlieren können.

Ich griff nach meiner Bürste und versuchte meine Haare zu bändigen, die in alle Richtungen standen. 

Verflucht! Warum musste ich blöde Kuh, auch so viel trinken?

Nach zehn Minuten wirkte ich schon wesentlich frischer, auch wenn das Make Up einen großen Teil dazu beigetragen hatte.

Grinsend griff ich nach meiner Handtasche und klopfte an Sams Zimmertür.

»Ich wäre fertig!«, ließ ich ihn wissen, woraufhin er seine Tür öffnete.

»Wow! Du siehst wunderschön aus!«, verließen die Worte seinen Mund, bei denen ich fast in Ohnmacht gefallen wäre.

»Du Charmeur!«, grinste ich und versuchte einigermaßen gelassen zu wirken, auch wenn ich mich ganz und gar nicht so fühlte.

»Also sollen wir los?«, fragte er und ich nickte. Wir liefen in Richtung Haustür, als er plötzlich stehen blieb und sich suchend umsah.

»Hast du meine Autoschlüssel gesehen?«, fragte er, doch im gleichen Atemzug schien es ihm einzufallen. »Ich habe sie eben auf den Schreibtisch gelegt. Mein Gedächtnis ist irgendwie auch nicht mehr das Beste!«

Als wir wenige Minuten später in seinem Auto saßen, vernahm ich wieder den herben Duft seines Aftershaves, bei dem ich regelrecht dahinschmelzen konnte.

Er fuhr Richtung Landstraße und schaltete das Radio ein.

Ausgerechnet ein Liebeslied wurde gespielt und mein Herz klopfte, als würde es mir in der nächsten Sekunde aus der Brust springen.

Was war bloß los mit mir?

Ein Unfall auf der anderen Fahrbahn riss mich aus meinen Träumen. Drei Autos waren ineinander gefahren und ich hoffte, dass niemand zu Schaden gekommen war. 

Die gesamte Autofahrt über sprach Sam kein Wort und ich wunderte mich, da er sonst kaum zu stoppen war. Verträumt blickte ich ihn an, als wir den See erreichten und aus dem Auto stiegen.

Als er sein Gesicht zu mir drehte, sah er aus, als sei er einem Geist begegnet. 

»Ist alles in Ordnung? Du bist doch sonst nicht so wortkarg«, unterbrach ich die Stille und er zuckte zusammen.

»Quatsch! Ich bin so wie immer!«

Auch wenn dies natürlich keineswegs der Wahrheit entsprach, beschloss ich, es auf sich beruhen zu lassen.

Gemeinsam liefen wir die Wiese hinunter, bis wir am Wasser standen.

»Diese Ruhe. Da möchte man doch glatt wieder Urlaub machen. Findest du nicht auch?«, warf ich ein, doch er antwortete nicht.

Stumm blickte ich auf das Wasser und ignorierte das Herzrasen, was er durch seine bloße Anwesenheit in mir verursachte. 

Seit er bei mir wohnte, herrschte bei mir innerlich das Chaos. Woran es genau lag, wusste ich nicht. 

Gerade, als ich noch etwas sagen wollte, um die Stimmung aufzulockern, brach ein Wolkenbruch über uns herein und wir rannten klatschnass zurück zum Auto.

»Das war es dann wohl mit dem schönen Wetter«, sagte ich grinsend und nun endlich lächelte er.

»Sieht wohl so aus!«

Obwohl ich nicht genau wusste wieso, lag plötzlich ein Knistern in der Luft, dass wahrscheinlich jeder Außenstehende ebenfalls bemerkt hätte.

Für einen kurzen Moment hielt ich die Luft an, als sich Sam näherte und unsere Lippen sich berührten.

Obwohl ich bereits einige Männer geküsst hatte, übertraf dieser Kuss alles.

Es war sanft, leidenschaftlich, voller Gefühl und hätte ich nicht gesessen, wären mir wahrscheinlich die Beine weg geklappt.

Als er sich wieder von mir löste und mir tief in die Augen blickte, sah ich ihn fragend an.

»Was … ?«, begann ich, doch er unterbrach mich.

»Bereits vom ersten Moment an, als ich deine Wohnung betreten hatte, hatte ich dieses warme Gefühl in meinem Bauch. Obwohl wir uns erst ein paar Wochen kennen, kann ich nicht abstreiten, dass ich mich in dich verliebt habe. Ich wusste bloß nicht, wie ich es dir sagen soll.«

Mein Herz machte einen Sprung und ich lächelte.

Als wir wieder Zuhause waren, griff ich nach meinem Handy und verfasste eine Nachricht an Laura.

>Es war nicht der Alkohol, der mich betrunken machte – es war er! Vor Liebe!<