Kurzgeschichte - Nicole König


15 Wörter

 

 

Schokolade

Krimi

Hitzewallungen

Schmetterlinge

Schuh

Kaffeemaschine

Steckdose

Schwein

Liebesbrief

Socke

 Besen

Fußball

Torte

Treppe

Kamera


„Nur noch ein Stück. Nur noch ein klitzekleines Stückchen, dann höre ich auf. Versprochen“, wiederhole ich mein Mantra immer und immer wieder. Darin bin ich verdammt nochmal perfekt. Was kann ich denn dafür, wenn mich im Supermarkt die Schokolade anlacht und ich sie bereits in der Obstabteilung meinen Namen rufen höre. Jetzt stehe ich mit fünf Tafeln am Ausgang und schiebe mir direkt die ersten Stückchen in den Mund. Vollbepackt mit meinen Einkäufen mache ich mich auf den Weg nach Hause und erklimme die 5 Stockwerke. Auf der dritten Etage bleibt mir die Luft weg und ich bekomme Hitzewallungen. Jetzt nur nicht schlappmachen. Auf der vierten Etage geht gar nichts mehr. Wenn ich mich nur einen Moment auf die Treppe setze, wird es schon wieder, rede ich mir selbst ein. Hoffentlich kommt jetzt nicht mein Nachbar aus der Tür. Eigentlich ist er genau mein Typ, wenn er nicht so ein Idiot wäre. Robin war mir direkt aufgefallen, seit er vor einem halben Jahr hier eingezogen ist. Auf seiner Einweihungsparty hat er sich allen gegenüber freundlich, nur mir gegenüber wie ein Depp verhalten. Meine beiden Mitbewohnerinnen sind bei ihm abgeblitzt und mit einer Freundin habe ich ihn noch nicht gesehen. Vermutlich ist er schwul, rede ich mir ein. Natürlich, wie sollte es auch anders sein, geht in dem Moment die Tür auf. Robin tritt in den Flur und fällt fast über mich drüber.

„Na Schmetterling, Flügel gebrochen oder warum sitzt du hier rum?“

„Sehr witzig. Sei doch ein Gentleman und trage einer Dame die Einkaufstüten rauf.“

„Dame?“ Er zwinkert mir zu. „Ich helfe dir ja wirklich gern aber ich bin spät dran und muss zum Fußball.“ Mit diesen Worten zwängt er sich an mir vorbei und läuft leichtfüßig die Stufen nach unten. „Na super.“ Langsam richte ich mich auf und kämpfe mich die letzten Stufen nach oben. 

Eine Tafel Schokolade später sitze ich in der Küche unserer WG und erhole mich vom Einkaufsstress, als es klingelt. Ich könnte mich tot stellen. Besuch erwarte ich nicht und meine Mitbewohnerinnen sind noch in der Uni. Es klingelt erneut. Ich tapse in Socken zur Tür und öffne sie, was ich beim Anblick der Person, die gerade vor mir steht, bereue. 

„Mama, was machst du denn hier?“ Wie immer ist meine Mutter adrett gekleidet, wenn sie das Haus verlässt. „Na, das ist ja mal eine Begrüßung. Hallo mein Kind. Ich war in der Nähe und dachte mir, ich besuche dich mal. Du kommst ja nicht auf die Idee bei uns vorbeizuschauen.“

Sie schiebt mich beiseite, stolpert fast über die an der Tür stehenden Schuhe und tritt ein.

„Wie sieht es denn hier wieder aus?“ Gerade kann ich sie zurückhalten sich unseren Besen zu schnappen. „Klar freue ich mich dich zu sehen. Komm doch rein“, sage ich mehr zu mir selbst als zu ihr. Ein Blick auf den Küchentisch verrät mein kalorienreiches Mittagessen. Sie rümpft die Nase. „Greta Marie, wie oft soll ich dir noch sagen, dass ein wenig Bewegung und gesundes Essen dir gut tun würden?“ Klar, die Leier wieder. Geduldig höre ich die fünf Minuten zu, in denen sie mir erzählt, wie wichtig gesunde Ernährung ist. Anschließend deute ich auf ihre Hand, in der sie immer noch ein kleines verpacktes Tablett eines ortsansässigen Bäckers hält. 

„Ja, ich dachte mir, ich bringe uns mal ein Stückchen Torte mit. So ein Stück ist ja auch gar nicht schlimm.“ Und da wundere ich mich über meine mangelnde Disziplin. 

„Übrigens sitzt einer deiner Nachbarn unten im Hauseingang.“

„Bei uns im Eingang? Wer und warum?“ 

„Das habe ich ihn auch gefragt.“

„Du bist echt unmöglich einfach jeden anzuquatschen.“

„Entschuldige mal bitte, wenn ein fremder Mann in deinem Hauseingang sitzt, werde ich doch mal fragen dürfen. Nicht auszudenken, was in der Großstadt alles passieren kann.“ Sie rümpft die Nase. „Dann hat er sich bei mir als dein Nachbar vorgestellt. Ein höfflicher junger Mann.“

„Klar! Und warum sitzt er unten?“ 

„Er hat sich beim Fußball verletzt und kommt alleine die Treppe nicht hoch. Jetzt sitzt der arme Junge da unten und wartet auf seine Freunde, die ihm helfen wollen. Sieh doch mal nach, ob wir etwas für ihn tun können!“ Gerade im Begriff, die Kamera wegzuräumen und einen Teller auf den Tisch zu stellen, halte ich in der Bewegung inne.

„Er wird schon klarkommen.“ 

„Aber was ist, wenn seine Freunde ihm nicht zur Hilfe kommen. So etwas gibt es bei uns auf dem Land nicht. Da hilft jeder jedem und so habe ich auch meine Tochter erzogen.“ 

Weil ich weiß, dass meine Mutter nicht locker lässt, mache ich mich, ohne auf weitere Einwände zu warten, auf den Weg nach unten.

Und tatsächlich – da sitzt er noch und wartet. Ein bisschen Schadenfreude kann ich mir nicht verkneifen. „Fußball spielen sollte man denen überlassen, die es können. Aber was soll man von einer Altherrenmannschaft schon erwarten.“

„Sehr witzig.“

Bei näherer Betrachtung sieht er wirklich schlimm aus. Eine Schramme im Gesicht, der Arm scheint etwas abbekommen zu haben und der Fuß wohl auch. 

„Kann ich dir helfen?“ Ich setze mich neben ihm auf die Stufe. 

„Ne, lass mal. Ich warte auf ein paar Freunde, die wollten gleich kommen. Aber danke.“

„Und wie lange ist das her?“

Ein wenig zerknirscht und kleinlaut antwortet er:

„Vor einer Stunde. Jetzt ist auch noch mein verfluchter Akku vom Handy leer.“

Ich könnte meinen Triumph noch weiter auskosten aber jetzt kommt mein Helfersyndrom wieder mal zum Vorschein. 

„Na komm.“ Ich stehe auf und reiche ihm meine Hand.

Erstaunt schaut er mich aus seinen blauen Augen an. „Danke, aber das schaffst du nicht.“ 

„Da ich, wie du weißt, die Einkaufstüten 5 Etagen hochgetragen habe, werde ich wohl auch mit dir fertig.“ „Tut mir leid wegen vorhin. Ich hatte es wirklich eilig.“ Er scheint es ernst zu meinen. 

„Das nächste Mal kommt bestimmt“, werfe ich ihm an den Kopf, um die Stimmung zu lockern.

Ich reiche ihm die Hand erneut, er greift diese und ich ziehe ihn hoch. Langsam und auf mich gestützt humpelt er Stufe für Stufe nach oben. Wenn er nicht so schwer wäre, könnte ich die Nähe glatt genießen. In seiner Etage angekommen, ziehe ich ihn weiter zu uns nach oben.

„Was sagen denn deine Mitbewohnerinnen, dass du Herrenbesuch empfängst?“, fragt er mich keuchend auf den letzten Metern. „Mach dir darüber mal keine Sorgen. Meine Anstandsdame ist dabei.“ Fragend zieht er eine Augenbraue nach oben.

„Meine Mutter“, kläre ich ihn genervt auf.

„Ach, die resolute Frau, die mich vorhin ausgefragt hatte.“

Endlich bei mir angekommen, führe ich ihn in unsere Küche und er lässt sich auf einem Stuhl nieder. Ich hole ein Kühlpad aus dem Eisschrank und gebe es ihm.

„Vorstellen brauche ich euch nicht mehr, das habt ihr im Treppenhaus schon erledigt. Möchtest du auch einen Kaffee?“ Ich schaue Robin an und der nickt. 

Ich hole die Kaffeemaschine aus dem Schrank und stecke den Stecker in die Steckdose. Wir trinken nur Tee und haben für Notfälle die Maschine im Haus. 

„Wie ist das denn passiert?“ Während die beiden sich über den Sportunfall unterhalten, decke ich weiterhin den Tisch, gieße den Kaffee ein, bevor ich mich ebenfalls dazu setze. Dann teile ich die Torte und verfrachte jedem ein Stück auf den Teller. 

„Greta hast du denn einen netten jungen Mann kennengelernt?“

„Mama“, selbst mein Einwand stoppt ihren Redefluss nicht. Jetzt wird es peinlich und ich senke den Blick. „Ich weiß noch wie vernarrt Gunnar in dich war.“ Sie schaut Robin dabei auffordernd an. „Er hatte mich damals gebeten ihm bei der Formulierung eines Liebensbriefes an dich zu helfen. So ein lieber Junge.“ „Mama“, rufe ich entrüstet. „Gunnar war ein Schwein und ein Streber und in der zweiten Klasse in mich verknallt. In der Zwischenzeit sind ungefähr 17 Jahre vergangen.“ „Ach, du bist und bleibst eben mein kleines Mädchen. Es wird doch langsam Zeit einen netten jungen Mann zu Hause vorzustellen. Robin, was sagen Sie denn dazu?“

Mir wird ganz heiß und ich bin knallrot im Gesicht. Ausgerechnet vor dem Mann, der mich seit Wochen in Träumen beschäftigt, breitet meine Mutter mein nicht vorhandenes Liebesleben aus.

Robin grinst amüsiert, „Der Richtige wird schon noch kommen.“ 

„Ich nehme Sie beim Wort. Sind Sie denn vergeben?“

Vor lauter Schreck über das Vorpreschen meiner Mutter, verschlucke ich mich am Kaffee. Robin scheint die Fragestunde sehr unterhaltsam zu finden und kann sich nur mit Mühe das Lachen verkneifen. Na, danke auch. Sich auf anderer Kosten einen vergnüglichen Nachmittag machen. 

„Nein, auch ich warte noch auf die Richtige.“ Ganz falsche Antwort. Da ich meine Mutter 25 Jahre kenne, weiß ich genau was jetzt passiert.

„Aber das ist doch großartig, Greta. Vielleicht geht ihr einfach mal zusammen aus? Also zu unserer Zeit, hat der Mann die Frau ins Kino eingeladen. Ich weiß noch dein Vater war ganz verunsichert am Anfang.“ Während meine Mutter sich in Rage redet, schaue ich Robin an und verdrehe die Augen. Er zwinkert mir zu.

„Was machen Sie denn beruflich?“ Jetzt folgt die Inquisition.

„Ich studiere und schreibe nebenbei, um mir meinen Lebensunterhalt zu verdienen.“ 

„Klar Liebesromane“, ich lache laut auf. „Lass mich raten, dein Pseudonym ist Gerlinde Schönebeck oder so?“ Verärgert zieht er seine Stirn in Falten.

„Na ja, eigentlich schreibe ich Krimis.“

„Erfolgreich?“

„Zumindest so erfolgreich, dass ich davon leben und mir mein Studium finanzieren kann.“ 

Wow, das sind mehr Informationen als ich je über ihn hatte. 

„Das ist ja großartig. Meine Greta liest furchtbar gern.“ 

Nachdem wir die Torte gegessen hatten und meine Mutter mich weiterhin in die eine oder andere Peinlichkeit gebracht hatte, werfe ich sie raus, in dem ich darauf verweise noch etwas für eine Klausur lernen zu müssen. „Natürlich, lasse ich euch alleine.“ 

Erst als die Tür hinter ihr ins Schloss fällt, atme ich erleichtert auf und gehe zurück in die Küche.

„Hey, tut mir leid. Sie ist einfach besorgt und meint alles für mich regeln zu müssen. Soll ich dir nach unten helfen.“ Ich räume den Tisch ab. 

„Das kenne ich, meine Mutter ist genauso. Nein, lass mal, das Kühlpad hat geholfen.“ 

Langsam humpelt er zur Tür und ich folge ihm.

„Im Übrigen finde ich den Vorschlag deiner Mutter gar nicht schlecht.“

Fragend blicke ich zu ihm auf. „Muss ich dir jetzt folgen?“

„Hättest du Lust mit mir ins Kino zu gehen?“

„Du musst dich jetzt nicht verpflichtet fühlen, nur weil meine Mutter die Kupplerin spielt.“

„Tue ich nicht. Überleg es dir!“ Mit einem Lächeln auf den Lippen, hüpft er die Stufen runter und lässt mich sprachlos zurück. 

Da brauche ich nicht lange zu überlegen.

„Gern“, rufe ich durch den Hausflur nach unten.

„Gut, dann hole ich dich am Freitag um 19 Uhr ab“, dann höre ich das Schließen seiner Wohnungstür.

Mit einem Lächeln auf den Lippen, tanze ich durch das Wohnzimmer und freue mich auf Freitag.

Wozu Mütter manchmal gut sind …