Kurzgeschichte - Violet Truelove


15 Wörter:


Postkarte

Telefon

Vatertag

Ei

Kuhmist

Auto

Stift

Geld

Großmutter

 Ratte

Weide

 Buch

Truhe

 Baum

Nebel

Baum


21.06.2015 | Hawaii | Vera

Der Nebel war so dicht und Vera hatte furchtbare Angst. „Liam!“, rief sie, doch sie erhielt keine Antwort. Eben war er noch an ihrer Seite gewesen. Vera drehte sich im Kreis und brüllte seinen Namen – diesmal laut und voller Verzweiflung. „LIAM!!!“ Sie wollte losrennen und ihn suchen, doch sie hatte nicht die geringste Ahnung, in welche Richtung sie sich bewegen sollte, also blieb sie auf der Stelle stehen.

Tränen liefen über ihr Gesicht und sie legte den Kopf in den Nacken und schluchzte laut auf. Sie fühlte sich so verloren und so hoffnungslos. Wie sollte sie ihn in diesem Nebel nur finden? „Oh, Liam“, wisperte Vera als sie die Erkenntnis, dass sie ihn für immer verloren hatte, traf. Der Schock, den dieser Gedanke mit sich brachte, verursachte ein starkes Schwindelgefühl. Vera geriet ins Wanken, doch just in dem Moment, als ihre Beine unter ihr nachgaben, schlangen sich zwei starke Arme um ihre Taille. „Hi, Babe. Alles ist gut. Ich bin ja da“, vernahm sie Liams markante Stimme hinter sich. „Lass uns von hier verschwinden. Ich ertrage diesen Nebel nicht länger.“

Vera drehte sich in seinen Armen, schlang die ihren um seinen Nacken und küsste ihn voller Leidenschaft. „Du bist da“, wisperte sie noch immer zittrig und aufgelöst an seinen Lippen.

„Ja, aber ich wäre lieber mit dir weit fort, V“, verriet er ihr.

„Alles, was du willst, Liam“, erwiderte Vera. Er sah ihr fest in die Augen, nahm ihr Gesicht in seine Hände und wischte mit seinen Daumen ihre Tränen beiseite.

„Es tut mir leid, dass du solche Angst hattest!“

„Ich dachte, ich hätte dich verloren“, seufzte Vera und klammerte sich fester an ihn.

Im nächsten Augenblick waren sie auf der Weide unter dem knochigen Baum mit seinen tief hängenden Ästen. Die trockene Hitze des kalifornischen Sommers sorgte für einen harzigen Geruch in der Luft. Liam führte Vera zu dem Picknick, welches er für sie hergerichtet hatte. Gemeinsam ließen sie sich auf der Decke nieder und erst in diesem Augenblick fiel Vera auf, wie jung er aussah.

„Das ist ein Traum, oder?“, wollte sie wissen. Sie schlug sich die Hand vor den Mund und Tränen standen in ihren Augen. „Fuck! Ich hätte es wissen müssen“, murmelte sie.

„V“, begann Liam.

Doch Vera unterbrach ihn. „Du bist gar nicht echt und wir sind auch nicht zusammen hier. Das ist nur eine verkackte Erinnerung. Mehr nicht!“

„Jetzt wo du weißt, dass es nur ein Traum ist, kannst du jederzeit aufwachen, V.“

„Nein, Liam. Das will ich gar nicht. In der Realität bist du ein kaputter Junkie. Du hast mich betrogen und mir das Herz gebrochen. Ich … ach, Liam“, seufzte sie, ging zu ihm und schloss ihn in die Arme. „Und Connor ist tot. Er hat sich umgebracht!“

Sie spürte Liams Lippen auf ihrer Stirn.

„V! Das ist ein Traum, Babe, und Connor könnte hier sein, genau wie ich. Wir könnten zusammen auf der Decke liegen und faulenzen. Im Picknickkorb könnten gekochte Eier, eine Flasche Wein und Baguette sein.“

„Sind wir nicht zu jung für Wein?“

Liam lächelte. „Dann mach uns älter, V. Hier spielen Zeit und Raum keine Rolle. Es ist egal, dass wir uns getrennt haben und CJ tot ist. Jetzt und hier können wir alle zusammen sein. Willst du das?“

Vera nickte und dann spürte sie CJ in ihrem Rücken. Er kam näher, legte seine Hände auf ihre Hüfte und schmiegte sich an sie. Sie schloss die Augen und genoss die Wärme, die ihre Körper ausstrahlten vor und hinter sich. Liam und CJ umarmten sie und hielten sie ganz fest. Vera kam sich unendlich geliebt vor.

„Ich habe euch vermisst!“, wisperte sie und suchte mit ihrem Mund den von Liam.

Connor biss sie zärtlich in den Nacken und ließ seine Finger über ihren Bauch hoch zu ihren Brüsten gleiten.

Vera seufzte und stoppte seine fordernden Hände. „Ich kann nicht“, wisperte sie. Connors lachender Atem kitzelte die empfindliche Haut ihres Halses.

„Bullshit!“

„Connor!“, rügte sie ihn streng.

„Was bitteschön soll ich sonst sagen? Kuhmist?“ Connor lachte trocken auf. „Lässt du jetzt die Mama raushängen, V? Ich bin nicht dein Sohn“, wies er sie zurecht und fügte hinzu: „Nein, es ist Scheiße, denn du willst bloß nicht.“

„So ist es nicht.“

„Fuck, V! So war es schon immer und nichts hat sich daran geändert, obwohl ich nun tot bin“, erinnerte er sie, ganz so, als würde dieser Umstand die ganze Sache besser machen. „Weil es nicht real ist, V, müsstest du dich für nichts schämen, verdammt! Lass dich einfach fallen und uns machen!“ Sie schaute auf und blickte Liam an, der bedächtig nickte.

„CJ, ich weiß nicht, wie ich dir das sagen soll, ohne dich zu verletzten. Im echten Leben warst du ein verdammt heißer Kerl. Richtig sexy, aber du lebst nun einmal nicht mehr. Dein Wahnsinnskörper ist nichts als Asche und das ist ein ziemlicher Abtörner.“

Connor schüttelte ungläubig den Kopf und stieß ein Schnauben hervor. „V! Du hast diese Sache immer gewollt! Was meinst du, warum du dieses Buch über Brad und Rory schreibst? Mmmh?“

Liam vor ihr schob seine Hand unter ihr Kinn und hob es an. „Er hat recht, V. Es hat dich gereizt. Du kannst es ruhig zugeben.“

Vera schluckte hart und starrte an Liam vorbei. „Ja!“, gestand sie sich und ihren Jungs ein. „Aber ich habe mich nun einmal für dich entschieden, Liam! Ich wollte immer nur dich! Vom ersten Augenblick an, als ich dich gesehen habe. Du warst mir wichtiger. Aber genau das bedauere ich, denn du“, wandte sie sich an Connor, „könntest noch am Leben sein, wenn meine Wahl eine andere gewesen wäre.“

„V, ich habe gewusst, dass du mich liebst. Das war mir immer klar, selbst in dem Moment als ich beschlossen habe meinem Leben ein Ende zu setzen.“

Vera stieß Liam zornig von sich, drehte sich in Connors Armen und gab ihm eine schallende Ohrfeige. „WARUM?“, schrie sie ihn an. „Warum hast du das getan, du selbstsüchtige Ratte? Du hattest alles!“ Sie schluchzte auf und Connor zog sie in seine Arme. „Geld wie Heu! Schnelle Autos, Frauen und Kerle zur freien Verfügung! Aber das war dir alles nicht genug! Du hast uns im Stich gelassen, CJ! Ohne dich waren Liam und ich verloren! Hast du auch nur eine Sekunde an uns gedacht?“

Connor schluckte hörbar und atmete langsam aus. „Ich habe stets an euch gedacht. Jede Sekunde, V. Ich habe euch beide so sehr geliebt. Du kannst es dir nicht vorstellen, aber die Leere … ich konnte die verdammte Leere einfach nicht mehr ertragen, mein Schatz!“ Er senkte seine Stirn gegen ihre und Vera schmiegte sich eng an ihn. Seine Nase streifte die ihre und sein Atem liebkoste ihr Gesicht. Ein Kuss, dachte sie und schloss die Augen, als seine Lippen ihre berührten.

Vera schaute Warden und Leander an. Ihr Ex sah mehr als glücklich aus, den Vatertag mit seinem Sohn verbringen zu können. Gerade erst war er von Fidschi zurückgekommen, wo er den Contest für sich hatte entscheiden können.

„Und was macht die Arbeit an deinem Roman“, wollte Lindsay, Wardens Verlobte wissen. An diesen wollte Vera nach der letzten Nacht überhaupt nicht denken – nicht nachdem ihr Unterbewusstsein ihr in aller Deutlichkeit erklärt hatte, was es mit Brad und Rory auf sich hatte. „Es läuft, denke ich“, gab Vera daher wenig gesprächig zurück.

Im Anschluss an das Frühstück stillte sie Leander und musste an die grausamen Worte ihrer Mutter denken – auch nach all den Monaten hatte sie ihr nicht verziehen. „Deine Großmutter spinnt, mein Schatz. Aber keine Sorgen, Warden und ich werden nicht zulassen, dass sie dich mit diesem Müll kaputtmacht. Wir werden dich beschützen. Immer!“, versprach sie ihrem Sohn.

Als Leander fertig getrunken hatte, war der Zeitpunkt des Abschieds gekommen. „Vera, schau nicht so“, bat Warden und drückte sie kurz an sich.

„Wie schaue ich denn?“

„So als würdest du Höllenqualen leiden! Wir sind nicht lange weg. Nur ein paar Stunden", beruhigte der blonde Surfer sie.

Vera lächelte gezwungen. „Klar! Ich habe heute Nacht einfach nur etwas schlecht geschlafen. Vielleicht bin ich deshalb etwas dünnhäutig“, meinte sie und verfluchte ihre zittrig klingende Stimme.

Sie begleitete die Drei hinaus zum Auto und half dabei Leander in seiner Babyschale anzuschnallen. Vera küsste ihren Sohn zum Abschied auf den blonden Flaum. „Also“, sagte sie an Warden und Lindsay gewandt. „Sollte etwas sein: Ich habe das Telefon dabei. Ihr könnt mich jederzeit erreichen und …“ Als sie Wardens mahnenden Blick bemerkte, fügte sie matt hinzu: „Okay! Dann einfach ganz viel Spaß.“

„Den werden wir haben, Vera“, versicherte Lindsay ihr und umarmte sie zum Abschied kurz. „Mach dir keine Sorgen, sondern genieß die freie Zeit!“ Warden und Lindsay stiegen ein und fuhren los. Vera sah dem Wagen nach und ging – nachdem er außer Sichtweite war – ins Gästehaus hinüber, in dem sie zusammen mit Leander lebte.

Sie setzte sich an ihren Schreibtisch und entnahm der darauf stehenden Truhe das oberste Tagebuch. Vera nahm einen Stift zur Hand und während sie überlegte, womit sie ihren Eintrag beginnen sollte, starrte sie auf die Postkarte, die sie an die Wand gepinnt hatte. Dort stand: „Habe Vertrauen!“